Die Kleingartenkolonie? Ein Traum oder ein Albtraum? Dies kommt immer auf den Punkt der Betrachtung an. In jedem Fall gibt es in unserer Kolumne Blick über den Gartenzaun jede Menge zum Schmunzeln.

Darin schreibt unsere Kolumnisten Silvia Wuttke über das ereignisreiche Leben in der fiktiven Kleingartenkolonie Sperlingsruh in Grünwald.

Jeden Monat gibt es eine neue Folge, als Text oder Podcast. Die aktuelle Folge finden Sie immer ganz oben.

Viel Spaß beim Lesen!  

 

Folge 03: Die liebe Nachbarschaft

Die Wochen vergehen, und es ist mittlerweile Ende Juli. Ich bin sehr zufrieden, dass der Garten immer vorzeigbarer wird und verbringe dort nach wie vor so viel Zeit wie möglich. Auch Horst hat gelegentlich mal mitgeholfen, aber irgendwie hat er in letzter Zeit ständig „Rücken“ und jault über die viele Schufterei. „Ohne Fleiß kein Preis“, sage ich dann immer, was ihn aber nicht besonders beeindruckt. Stattdessen rollt er mit den Augen und plumpst ermattet auf einen Liegestuhl oder auf einen Sessel unserer neuen Terrassengarnitur. Ich stelle immer mehr fest, dass seine Leidenschaft für den Garten wohl nie an die meinige herankommen wird. Auch Sören war zuletzt nur noch sehr sporadisch hier. Aber mit beidem kann ich leben.

Inzwischen habe ich erste Bekanntschaften mit unseren Nachbarn geschlossen. Den Garten rechts von uns besitzen Irina und David Tröster. Sie sind Spätaussiedler aus Kirgisien und unheimlich nette Leute. Und sehr fleißig. Die beiden nutzen jeden Flecken ihres Gartens, um Gemüse anzubauen. Gerade jetzt erst haben sie Kartoffeln geerntet und diese schubkarrenweise weggekarrt. Herr Sinn hat neulich mal anklingen lassen, dass das für seinen Geschmack zu viele Erdäpfel seien, und dass er die ausgewogene Mischkultur in dem Garten gefährdet sehe. Hoffentlich wird er den beiden keinen Ärger bereiten. Irina wiederum hat mir erzählt, dass die beiden eine große Familie haben, und alle immer sehr froh über das viele Gemüse seien. Außerdem koche sie selbst äußerst gerne Eintöpfe, die extrem lecker seien und „immer satt machen“. Beruflich arbeitet er in einem Autohaus, sie ist als Kundenberaterin in einem Call-Center tätig.

Auf der anderen Seite bewirtschaften die Teichmanns den Garten. Sabine Teichmann ist Lehrerin, Thomas Teichmann Informatiker. Die beiden haben eine Tochter namens Undine. Sowohl die beiden Eltern als auch das Mädchen, das im gleichen Alter wie Sören ist, sind ebenfalls sehr freundlich. Undine macht einen wirklich gut erzogenen Eindruck und ist im Gegensatz zu Sören auch recht kommunikativ. Irgendwann muss ich Sabine, die in Sachen Pädagogik als Lehrerin bestimmt ein echter Profi ist, mal fragen, was die beiden mit ihrem Kind anders machen. Leider haben sich Sören und Undine bislang noch nicht kennengelernt. Vielleicht könnte sie ihn ja mal auf andere Gedanken bringen und weg von seinem Computer locken. Thomas Teichmann hat ein besonderes Faible für Rosen. Vor allem die orangefarbene Beetrose Aprikola hat es ihm angetan. Immer wieder sehe ich, wie er sich vor ihren prächtigen Blüten aufbaut, an diesen schnuppert und dann einen wirklich glückseligen Eindruck macht.

Und direkt gegenüber von unserem Grundstück hat sich Familie Güngörmüs einen Garten gesichert. Die Familie stammt aus der Türkei und betreibt in Pullach ein Restaurant. Sie heißt Sengül, ist etwas zurückhaltend, dafür ist ihr Mann Ahmet umso offener. Wenn er deutsch spricht, dann mit breitem bayrischen Dialekt, und seine Ansichten sind manchmal denen des strengen Herrn Sinn nicht unähnlich. Kein Wunder, dass die beiden sich auch sehr gut verstehen. In Anwesenheit von Ahmet sehe ich Herrn Sinn immer mal wieder auch lachen, was ich bei ihm sonst noch nie beobachten konnte. Gelebte Integration, denke ich dann, und freue mich darüber. Hier in der Kleingartenanlage Sperlingsruh scheint diese gut zu funktionieren. Sengül und Ahmet Güngörmüs haben vier Kinder, die noch sehr jung sind, und manchmal auch für ordentlichen Lärm sorgen. Dies scheint aber niemand zu stören, und auch Herr Sinn scheint aufgrund seiner Freundschaft zu Ahmet alle Augen zuzudrücken. Die Kinder hören auf die Namen Hatice, Mohammad, Deniz und Nurcan.

 

Vor ein paar Tagen habe ich mir überlegt, dass ich ein kleines Gartenfest mit den Nachbarn aus dem Löwenzahnweg machen möchte.

„Warum?“, hat Horst gefragt.

„Na, wir müssen immer noch unseren Einstand geben.“

„Soso, na denn.“

Horst ist also auch auf meiner Seite, und so habe ich mir für den heutigen Samstag vorgenommen, die Einladungen zu verteilen. Samstags habe ich festgestellt, ist wirklich jeder in seinem Kleingarten zugange. Gefeiert werden soll in genau zwei Wochen, und ich konnte Sören überzeugen, die Einladungskarten an seinem Rechner zu entwerfen. Sogar ein Blümchen hat er auf diese gezaubert, was mich als Mutter echt begeistert.

Als erstes gebe ich Irina und David eine Karte, die sich sehr freuen und gleich zusagen. Auch Familie Güngörmüs ist sofort begeistert. „Das ist sehr fein von dir“, sagt Ahmet und schüttelt mir herzlich die Hände. Dann schiebt er noch hinterher: „Geselligkeit ist des Deutschen Pflicht.“ Der Mann scheint sich wirklich sehr gut assimiliert zu haben.

Bei den Teichmanns treffe ich heute nur Thomas, der schon wieder mit einer Gießkanne in der Hand an seiner „Aprikola“ hantiert. Auch er verspricht, dass er mit Sabine und Undine vorbeikommen werde.

Herr Sinn ist, was ungewöhnlich ist, heute nicht auf der Parzelle, aber ich stecke ihm eine Karte in den Briefkasten.

Dann gehe ich weiter und komme zu einem Garten, dessen Bewohner ich bislang noch nicht kennengelernt habe. Auf einer Gartenliege liegt eine junge Frau, deren Gesicht hinter einer Zeitschrift steckt.

„Servus“, rufe ich.

„Hallo“, antwortet sie, ohne dabei ihre Zeitschrift wegzunehmen. Es muss sich wohl um einen sehr spannenden Artikel handeln.

„Ich bin die Silvia Wuttke“, versuche ich es weiter. „Ich wollte Sie fragen, ob Sie Lust haben, in zwei Wochen auf unserem Gartenfest vorbeizukommen. Uns gehört der Garten im Löwenzahnweg 11 und wir wollten unseren Einstand geben.“

Jetzt lässt die Frau ihre Zeitschrift sinken, und ich erstarre. Bei der Nachbarin handelt sich um die blöde Kuh, die uns im Baumarkt die Gartenmöbel weggeschnappt hat. Während ich noch versuche, die Fassung wiederzugewinnen, setzt sie ein breites Lächeln auf und kommt auf mich zu.

„Das ist aber nett“, sagt sie. „Ich bin die Jacqueline.“

Während ich immer noch fieberhaft überlege, was ich aus dieser Situation machen soll, entreißt sie mir mit einer schnellen Bewegung eine meiner Einladungskarten.

„Die ist aber süß“, fährt sie fort und zeigt auf die Blume auf der Karte. „Eine Gerbera, richtig?“

„Eine Lilie“, stammele ich.

„Ach, wie royal.“

Ich nicke.

„In zwei Wochen?“, fährt sie in der Konversation fort. „Das ist sehr gut, da können mein Freund Harry und ich in jedem Fall. Das ist sehr reizend. Wir werden selbstverständlich kommen.“

Und ohne eine weitere Bemerkung lässt sie mich erneut stehen. Solche Abgänge scheint sie zu lieben. Für einen Moment lang bleibe ich noch stehen und frage mich, ob auch sie mich erkannt hat. Ich kann es nicht sagen. Während sie sich wieder hinter ihrer Zeitschrift verschanzt, lasse ich noch einen Blick durch ihren Garten kreisen. Alles wirkt sehr ordentlich, aber irgendwie auch steril und lieblos. Mein Blick bleibt nirgendwo hängen, wo ich denke: Ach wie hübsch. Nur auf der Terrasse stehen die geschmackvollen Möbel, die inzwischen auch unsere Anlage zieren und um die wir uns neulich im Baumarkt gestritten haben.

Konsterniert trete ich den Rücktritt an. Zum ersten Mal ist in meinem grünen Paradies Sperlingsruh ein Schatten aufgezogen.

 

Und hier als Podcast:

 

Folge 02: Im Baumarkt

Inzwischen sind vier Wochen vergangen, und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich voll und ganz in der Kleingartenanlage Sperlingsruh angekommen bin. Ich habe nahezu jede freie Minute auf der Parzelle verbracht und auf unserem Grundstück schon einiges bewegt.

Als erstes habe ich – wie uns geheißen wurde – den Kirschlorbeer ausgebuddelt und entsorgt. Wie ich vermute, konnte ich damit einige Pluspunkte bei Herrn Sinn sammeln, der mich kurz nach der Aktion noch einmal besuchte und ein paar wohlwollende Blicke in Richtung des Platzes schickte, wo einst der opulente Strauch gestanden hatte. Anstatt des Kirschlorbeers habe ich zwei zarte Rhododendrenbüsche gesetzt, in der Hoffnung, dass sie schnell heranwachsen, um irgendwann das entstandene Loch zu füllen.

Ferner habe ich schon mehrfach den Rasen gemäht, ordentlich Unkraut gejätet und die ersten Zier- und Nutzpflanzen ins Beet gebracht. Besondere Hoffnung setze ich in mein neues Kräuterbeet, in welchem ich Basilikum, Petersilie, Rosmarin, Schnittlauch und auch Thymian ziehen möchte. Daneben sollen Gurken, grüne Bohnen und Feldsalat gedeihen. Noch hat sich nicht viel getan, aber ich bin immer fleißig am Gießen und hoffe, dass sich die Pflänzchen prima entwickeln werden.

Etwas aufwendiger war das Entrümpeln der gelben Laube gewesen. Nach dem ersten Öffnen der Tür hatte sich kein schöner Anblick geboten. Es hatte äußerst muffig gerochen, und die Bude war mit jeder Menge unbrauchbarem Kram von der verstorbenen Frau Mayrhofer vollgestopft gewesen. Ich hatte mir von einem Arbeitskollegen einen Anhänger ausgeliehen und eineinhalb Wochen lang Fuhren zur örtlichen Deponie unternommen, um Ordnung in die Laube zu bekommen. Inzwischen ist das Bild in dem Holzhäuschen schon ein ganz anderes, und durch intensives Lüften ist auch der Muff schon größtenteils verflogen.

Beim Aufräumen hatte ich gehofft, auf den einen oder anderen Schatz zu stoßen, aber viel Wertvolles konnte ich nicht finden. Behalten habe ich lediglich ein paar Gartengeräte, einen sehr schönen kleinen Marmortisch, eine Holzbank sowie eine große Sammlung an Porzellantellern, die unterschiedlichste Pferdemotive zeigen. Diese befanden sich in einer großen Kiste, und ich habe Sören gebeten, die Teller auf Ebay zu versteigern. Vielleicht bringen sie ja noch ein paar Euro ein. Bisher haben wir aber noch keinen Abnehmer gefunden. Oder Sören hat sich noch nicht darum gekümmert, die Sachen ins Netz zu stellen. Auch das ist durchaus denkbar. Ich werde ihn demnächst noch einmal daran erinnern.

Die vergangene Woche habe ich damit verbracht, die sich abblätternde gelbe Farbe des Hauses abzuschleifen, um sie anschließend durch ein knalliges Rot zu ersetzen. Dieses bildet einen schönen Kontrast zu den Fenster- und Türrahmen, die ich weiß übertüncht habe. Ich bin sehr stolz auf mein Werk, und unser Büdchen kann sich wieder sehen lassen.

Horst und Sören haben bisher nur wenig Zeit in dem Kleingarten verbracht. Sören hatte mir sehr deutlich signalisiert, dass er seine wertvolle Zeit nicht mit anstrengender Gartenarbeit verschwenden möchte, und Horst hatte aufgrund einer Software-Umstellung in der Zulassungsstelle beruflich viel zu tun und war abends immer erst spät nach Haus gekommen. Und die Wochenenden hatten bei ihm natürlich wie immer ganz im Zeichen des Fußballs gestanden. Schließlich ist dort gerade großes Saisonfinale, obwohl schon seit mehr als vier Wochen feststeht, dass der FC Bayern München es schon wieder geschafft hat, die Konkurrenz so weit hinter sich zu lassen, dass sich der Meistertitel nicht mehr nehmen lässt. Warum man sich jetzt noch die restlichen Spiele anschauen muss, ist mir schleierhaft, aber ich bin es ja von meinem innig geliebten Mann nicht anders gewohnt.

 

 

Heute jedoch begleiten mich Horst und Sören in den Baumarkt. Es ist Freitagabend und ich habe die beiden mitgenommen, um gemeinsam eine Sitzgarnitur für die Terrasse auf dem Kleingartengrundstück auszusuchen. Wirklicher Enthusiasmus kommt aber auch hier bei beiden nicht auf.

„Langweilig“, lässt sich Sören immer wieder vernehmen und ist ansonsten überhaupt nicht bei der Sache, sondern starrt immer wieder in sein Handy oder hackt mit flicken Fingern ein paar Wörter in das Gerät. „Whatsappen“ heißt das so schön auf neudeutsch, wie er mir neulich erklärte. Ich hoffe nur, dass er sich jetzt gerade nicht bei seinen Freunden über seine „Alten“ beschwert, mit denen er im Baumarkt „rumhängen“ muss.

Auch Horst wirkt etwas müde und abgespannt. Das Software-Projekt scheint ihn ganz schön mitzunehmen. Aber immerhin schiebt er den Einkaufswagen.

Ich für meinen Teil bin aber voller Eifer und studiere die angebotenen Waren. Bei den vielen Artikeln fällt die Auswahl gar nicht so leicht. Also frage ich die Männer: „Welche Möbel gefallen euch denn am besten?“

Sören blickt nur kurz von seinem Handy auf und grunzt: „Die sind doch alle scheiße.“

Horst wiederum zeigt auf ein paar Plastikmöbel, die ihn vor allem wohl wegen des günstigen Preises überzeugen. Zu den weiteren negativen Eigenschaften bei ihm zählt leider auch, dass er sehr knauserig ist und am liebsten nie Geld ausgeben möchte.

„Auf keinen Fall“, entgegne ich. „Die sind doch potthässlich. Was haltet ihr von diesem schönen Teakholz-Tisch und den dazu passenden Stühlen?“

Horst greift zum Anhänger mit dem Preis, und ich kann sehen, wie sich seine Augen vor Schreck weiten. „Das sind über 1000 Euro. Das geht überhaupt nicht.“

„Ach, bitte“, sage ich und versuche einen flehenden Dackelblick aufzusetzen. „Die sind doch wunderschön, und es ist auch nur noch eine Garnitur vorhanden.“

„Nö.“

„Und wenn ich die Möbel von meinem Geld bezahle?“, versuche ich es weiter.

Leider hat Horst keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem Moment kriege ich einen solchen Schubser in die Seite, sodass ich mich kaum auf den Beinen halten kann. Lediglich der Aufprall gegen ein Regal verhindert, dass ich stürze.

„Aua“, sage ich extra laut, nachdem ich bemerkt habe, dass der Schubser durch einen Einkaufswagen ausgelöst wurde, an dessen hinterem Ende sich eine aufgetakelte Blondine befindet. Minirock, nach oben geschobene Sonnenbrille und hochhackige Schuhe. Genau der Typ Frau, den ich überhaupt nicht leiden kann. Und daneben gleich das passende männliche Pendant. Ein kaugummikauender, muskelbepackter und mit weit aufgeknöpftem Hemd sowie Goldkette versehener Kerl.

„Entschuldigung“, raunzt mich das Frauenzimmer an, was deutlich macht, dass sie kein ehrlich gemeintes Bedauern zum Ausdruck bringen möchte, sondern vielmehr eine Kampfansage artikulieren will. Und warum sie sich so impertinent verhält, wird jetzt auch sofort deutlich. Sie hat es auf das gleiche Objekt der Begierde wie ich abgesehen.

„Hier Schatzi“, wendet sich an das Anabolika-Monster. „Diese Möbel meine ich. Sind die nicht cute?“

„Alles, was du willst, Baby“, antwortet er oberlässig.

Ich kotze gleich, denke ich. Die zwei sind genau solche Exemplare des Homo sapiens, wie ich sie auf den Tod nicht ausstehen kann. Und außerdem wollen sie mir meine Möbel wegschnappen.

„Entschuldigung“, mische ich mich daher energisch ein. „Diesen Tisch und diese Stühle da, auf die sie gerade zeigen, wollen wir kaufen. Und wir waren zuerst da.“

„Ach so?“, erwidert die arrogante Zicke und schickt mir einen abfälligen Blick zu. „Das wollen wir doch mal sehen. Los Harry, lade die Sachen auf den Wagen.“

„Für dich Jackie, doch immer“, säuselt er zurück.

„Nur über meine Leiche“, sage ich und versuche genauso giftig wie die Tussi zu schauen. Dann blicke ich zu Horst: „Sag du doch auch mal was.“

Aber leider ist Horst wieder mal keine große Hilfe. Entschuldigend zuckt er die Achseln, und tritt auf eine wegscheuchende Bewegung des Muskelprotzes hin brav zur Seite. In Windeseile hat der Mann die Möbel auf dem mitgebrachten Wagen verladen, und schon schieben die beiden ab, ohne uns weitere Beachtung zu schenken.

„Na, toll“, sage ich vorwurfsvoll zu Horst.

„Was hätte ich machen sollen?“, spielt er die Unschuld vom Lande.

„Oooooh, du bist unmöglich.“ Ich bin jetzt richtig sauer.

Stattdessen zeigt Horst wieder auf die billigen Plastikmöbel. „Wir können doch immer noch diese nehmen.“

„Im Leben nicht“, zische ich ihn an.

„Auch gut.“

Nach einem kurzen Moment des Schweigens entscheide ich, den Baumarkt zu verlassen. Der Rest des Angebots überzeugt mich nicht. Ich wollte einfach die tollen Teak-Möbel haben.

Auch das scheint Horst recht zu sein. Schließlich verlassen wir den Baumarkt, ohne Geld ausgegeben zu haben.

Das gleichgültige Verhalten meiner beiden Männer auf der Rückfahrt frustriert mich noch mehr. Mich wurmt diese Shopping-Niederlage, die uns diese beiden Primitivlinge zugefügt haben, auf ganzer Linie.

Während Horst zuhause angekommen gleich den Fernseher einschaltet und sich Sören wieder in sein Zimmer verzieht, begebe ich mich immer noch äußerst verärgert ins Schlafzimmer. Ich frage mich: Warum mussten wir uns von solchen Untermenschen so vorführen und wie die letzten Deppen behandeln lassen?

Schließlich habe ich aber eine gute Idee, und die schlechte Laune verwandelt sich in genau das Gegenteil. Ich hatte mir die Marke der Gartenmöbel gemerkt und konnte sie nach einer kurzen Recherche im Internet auf meinem Tablet finden. Für 200 Euro günstiger. Und in bereits in drei Tagen sollen sie geliefert werden. Ich freue mich über meinen Schnapper und denke, obwohl ich von ganzen Herzen Atheistin bin: Es gibt einen Gott!

 

Und hier als Podcast:

 

 

Folge 01: Reiner Unsinn

„Jaaaaaaaaaaaaa!“

Kurze Pause.

Und wieder: „Jaaaaaaaaaaaaa!“

Wer hier so schreit, sich freut und sich wie ein Brummkreisel um die eigene Achse dreht – das bin ich.

„Jetzt ist sie komplett verrückt geworden“, ätzt mein 15 Jahre alter und mitten in der Pubertät steckender Sohn Sören.

Blödmann, denke ich.

Leider nickt ihm mein Mann Horst bestätigend zu.

Idiot, denke ich.

Aber dann freue ich mich wieder und rufe erneut laut: „Jaaaaaaaaaaaaa!“

„Was ist denn los?“, fragt endlich Horst.

„Wir bekommen den Kleingarten“, rufe ich begeistert.

„Welchen Kleingarten?“, fragt Sören verständnislos und schaut zu seinem Vater. Doch der zuckt nur mit den Schultern.

„Den Kleingarten im Kleingartengebiet Sperlingsruh“, kläre ich auf. „Der Kleingarten, um den ich mich letzte Woche bei Herrn Sinn beworben habe.“

Damit ist für mich ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Seit Jahren schon wünsche ich mir meinen eigenen Flecken Grün, und habe immer wieder versucht, einen Pachtvertrag für ein Grundstück in einem Kleingartengebiet zu bekommen. Da ich diesen Traum aber nicht alleine hege, da Gärtnern momentan beliebter denn je zu sein scheint, ist die Zuteilung einer Parzelle in einer solchen Anlage so etwas wie ein Sechser im Lotto. Pures Glück. Doch vor fünf Minuten hat Herr Sinn, der Vorsitzende des Vereins Sperlingsruh, angerufen und mir die Zusage erteilt.

Horst scheint sich zu erinnern, aber bei meinen vielen Bewerbungsversuchen – die bislang ja alle auch vergeblich waren – hat er es aufgeben, den Überblick zu behalten. Jetzt fragt er immerhin: „Sperlingsruh? Das ist liegt doch hinten am Stadtrand?“

„Genau“, jubele ich und drücke ihm einen dicken Kuss auf die Stirn. Als ich dasselbe bei Sören versuche, duckt dieser sich angewidert weg. Aber davon lasse ich mir nicht mehr die gute Laune verderben.

 

 

Drei Tage später machen wir uns auf den Weg zur Kleingartenanlage Sperlingsruh. Wir – das sind die Wuttkes. Und die Wuttkes, das sind Silvia, Horst, Sören und unser Hund Kurty.

Ich bin Silvia, 45 Jahre alt, zum einen halbtagsbeschäftigte Sekretärin in einem kleinen Versicherungsbüro, und zum anderen halbtagsbeschäftigte Hausfrau, Mutter und Ehegattin. Doch künftig wird sich ein Teil von letzterer Hälfte in eine angehende und äußerst ambitionierte Kleingärtnerin verwandeln. Dessen bin ich mir ganz sicher.

Mein Mann Horst, 49 Jahre alt, ist ganztags beschäftigt – und zwar als leitender Angestellter bei der Kfz-Zulassungsstelle in Grünwald. Seinen Feierabend verbringt er gerne vor dem Fernseher – immer mit dem einen oder anderen Glas Weizenbier – und so oft es geht mit dem FC Bayern München. Manchmal auch mit Hannover 96.

Sören ist wie bereits erwähnt 15 Jahre alt. Er ist in der Pubertät und macht gerade eine schwere Phase durch. Vor allem die blühenden Pickel im Gesicht sorgen bei ihm für Verdruss. Nur selten ist er mit uns einer Meinung. Am liebsten sitzt er in seinem Zimmer und spielt Computer. Naja, eben ganz typisch, wie Jungs in seinem Alter halt so sind.

Der dritte Mann im Bunde ist Kurty. Und wenn ich es mir recht überlege, meistens sogar mein Lieblingsmann. Wenn ich ihm sein Fresschen bereitstelle, überschlägt er sich mit seinem Gebell und seinem wedelnden Schwanz vor Freude, und ich weiß, dass mich dieses grundgütige Geschöpf mit den treuen braunen Augen von Herzen liebt.

Beim Kleingartenverein angekommen – empfängt uns Herr Sinn. „Servus, Rainer Sinn“, stellt er sich vor. Dass er zum Vorsitzenden gewählt worden ist, wundert mich nicht. Herr Sinn hat kurzgeschorene, leicht zurückgegangene graue Haare und macht trotz der bayrischen Tracht, die er trägt, einen militärischen Eindruck. Sein Blick ist durchdringlich und sein Händedruck kräftig.

Hoffentlich hat er nichts gegen Zugezogene denke. Nichts gegen Saupreißen, die noch vor fünf Jahren in Hannover gelebt haben.

Ohne weiteres Geplänkel führt er uns in den Löwenzahnweg 11. Die neue Glücksadresse für Familie Wuttke.

„Was ist das denn für eine Bruchbude?“, entfährt es Horst. Für ihn ist solch eine Bemerkung schon ein wahrer Gefühlsausbruch. Ansonsten ist er eher eine gemütliche, wenn nicht sogar ein bisschen schläfrige Natur.

Auch mich durchzuckt es beim ersten Anblick. Das gelbe Häuschen, auf das wir schauen, macht wirklich einen etwas heruntergekommen Eindruck. Und auch der es umgebende Garten wirkt ziemlich verwahrlost. Aber, denke ich, das wird schon.

In Sörens Gesicht kann ich keine Regung entdecken, und Herr Sinn sagt: „Das war die Parzelle von Frau Mayrhofer. 86 ist sie geworden und vor kurzem gestorben.“

„Aha“, sage ich interessiert, und Herr Sinn fährt fort: „Ich habe sie immer wieder aufgefordert, Ordnung zu schaffen. Schließlich haben wir strenge Regeln auf der Anlage, was die Pflege von Haus und Garten angeht. Aber mit 86 war bei ihr nicht mehr viel zu machen, und Angehörige gab es auch nicht.“

Mit einem Quietschen öffnet Herr Sinn die Pforte und lässt uns unser neues Reich betreten. Meine Augen versuchen auf die Schnelle, die Gesamtsituation zu erfassen. Und auch beim näheren Hingucken wirkt die ganze Szenerie nach wie vor etwas trostlos. Jede Menge Arbeit, denke ich. Aber das wird schon. Immerhin steht in der Ecke ein schöner Kirschlorbeer.

Auf diesen zeigt Herr Sinn auch just in diesem Moment und sagt: „Wer Kirschlorbeer pflanzt, der ist ein Verbrecher an der Natur. Diese Dinger sind bei uns verboten. Und daher muss auch Ihrer dort schleunigst weg.“

„Mmh“, sage ich artig, und auch Horst nickt.

„So, kommen wir zum Wesentlichen“, sagt Herr Sinn und macht ein ernstes Gesicht. „Hier sind die Vereinsregeln, die sich streng am Bundeskleingartengesetz orientieren. An diese haben Sie sich auch zu halten, und ich werde Sie überprüfen. Das mache ich bei allen so, und bis auf die Frau Mayrhofer haben sich bislang auch immer alle daran gehalten. Aber die war wie gesagt schon 86. Haben Sie mich verstanden?“

Jetzt nicken wir alle drei. Herr Sinn scheint ein Mann zu sein, der keinen Widerspruch duldet. Mein erster Eindruck verfestigt sich.

„Genau durchlesen“, fährt er fort und händigt uns die sechsseitige Kleingartenverordnung aus. „Und hier ist der Vertrag. Sie zahlen 350 Euro Pacht im Jahr sowie 100 Euro Vereinsbeitrag. Wer dreimal im Monat mit der Pacht säumig bleibt, wird fristlos gekündigt. Bis spätestens Ende der Woche bringen Sie den unterschriebenen Vertrag bei mir vorbei. Mir gehört ein Grundstück gleich um die Ecke. Löwenzahnweg 3.“

Dann drückt er uns ein Schlüsselbund in die Hand, lüftet kurz den Trachtenhut und macht sich mit schneidigen Schritten auf und davon.

„Das wird unser Untergang“, stöhnt Horst. „Das werden wir nie schaffen!“

„Das wird schon“, beruhige ich. „Und es wird schön.“

Seufzend lässt sich Horst auf einer Bank nieder. Zum Glück hat er sich ein paar Weizenbier mitgebracht und öffnet gleich das erste. Sören setzt sich missmutig neben ihn und lässt die Beine baumeln.

Nur Kurty stöbert durch den Garten und fängt an, sein neues Revier zu erkunden.

Ich atme tief ein, blinzele in die Sonne und sage mir erneut: Das wird schon.

Da meldet sich Horst zu Wort. Er hat seine Lesebrille aufgesetzt und beginnt aus der Gartenordnung des Kleingartenvereins Sperlingsruh zu zitieren: „Der Pächter hat seinen Garten ausschließlich kleingärtnerisch zu nutzen. Der kleingärtnerische Nutzen ist gegeben, wenn der Kleingarten zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf und zur Erholung dient. Obst, Sträucher, Gemüse, Blumen und Rasen sollen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Erwerbsmäßige gärtnerische Nutzung sowie einseitige Kulturen sind untersagt.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Also, wenn du mich fragst, ist das nicht Rainer Sinn, sondern reiner Unsinn.“

Das wird schon, denke ich ein letztes Mal.

 

Und hier als Podcast:

 

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