Folge 01: Reiner Unsinn

„Jaaaaaaaaaaaaa!“

Kurze Pause.

Und wieder: „Jaaaaaaaaaaaaa!“

Wer hier so schreit, sich freut und sich wie ein Brummkreisel um die eigene Achse dreht – das bin ich.

„Jetzt ist sie komplett verrückt geworden“, ätzt mein 15 Jahre alter und mitten in der Pubertät steckender Sohn Sören.

Blödmann, denke ich.

Leider nickt ihm mein Mann Horst bestätigend zu.

Idiot, denke ich.

Aber dann freue ich mich wieder und rufe erneut laut: „Jaaaaaaaaaaaaa!“

„Was ist denn los?“, fragt endlich Horst.

„Wir bekommen den Kleingarten“, rufe ich begeistert.

„Welchen Kleingarten?“, fragt Sören verständnislos und schaut zu seinem Vater. Doch der zuckt nur mit den Schultern.

„Den Kleingarten im Kleingartengebiet Sperlingsruh“, kläre ich auf. „Der Kleingarten, um den ich mich letzte Woche bei Herrn Sinn beworben habe.“

Damit ist für mich ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Seit Jahren schon wünsche ich mir meinen eigenen Flecken Grün, und habe immer wieder versucht, einen Pachtvertrag für ein Grundstück in einem Kleingartengebiet zu bekommen. Da ich diesen Traum aber nicht alleine hege, da Gärtnern momentan beliebter denn je zu sein scheint, ist die Zuteilung einer Parzelle in einer solchen Anlage so etwas wie ein Sechser im Lotto. Pures Glück. Doch vor fünf Minuten hat Herr Sinn, der Vorsitzende des Vereins Sperlingsruh, angerufen und mir die Zusage erteilt.

Horst scheint sich zu erinnern, aber bei meinen vielen Bewerbungsversuchen – die bislang ja alle auch vergeblich waren – hat er es aufgeben, den Überblick zu behalten. Jetzt fragt er immerhin: „Sperlingsruh? Das ist liegt doch hinten am Stadtrand?“

„Genau“, jubele ich und drücke ihm einen dicken Kuss auf die Stirn. Als ich dasselbe bei Sören versuche, duckt dieser sich angewidert weg. Aber davon lasse ich mir nicht mehr die gute Laune verderben.

 

 

Drei Tage später machen wir uns auf den Weg zur Kleingartenanlage Sperlingsruh. Wir – das sind die Wuttkes. Und die Wuttkes, das sind Silvia, Horst, Sören und unser Hund Kurty.

Ich bin Silvia, 45 Jahre alt, zum einen halbtagsbeschäftigte Sekretärin in einem kleinen Versicherungsbüro, und zum anderen halbtagsbeschäftigte Hausfrau, Mutter und Ehegattin. Doch künftig wird sich ein Teil von letzterer Hälfte in eine angehende und äußerst ambitionierte Kleingärtnerin verwandeln. Dessen bin ich mir ganz sicher.

Mein Mann Horst, 49 Jahre alt, ist ganztags beschäftigt – und zwar als leitender Angestellter bei der Kfz-Zulassungsstelle in Grünwald. Seinen Feierabend verbringt er gerne vor dem Fernseher – immer mit dem einen oder anderen Glas Weizenbier – und so oft es geht mit dem FC Bayern München. Manchmal auch mit Hannover 96.

Sören ist wie bereits erwähnt 15 Jahre alt. Er ist in der Pubertät und macht gerade eine schwere Phase durch. Vor allem die blühenden Pickel im Gesicht sorgen bei ihm für Verdruss. Nur selten ist er mit uns einer Meinung. Am liebsten sitzt er in seinem Zimmer und spielt Computer. Naja, eben ganz typisch, wie Jungs in seinem Alter halt so sind.

Der dritte Mann im Bunde ist Kurty. Und wenn ich es mir recht überlege, meistens sogar mein Lieblingsmann. Wenn ich ihm sein Fresschen bereitstelle, überschlägt er sich mit seinem Gebell und seinem wedelnden Schwanz vor Freude, und ich weiß, dass mich dieses grundgütige Geschöpf mit den treuen braunen Augen von Herzen liebt.

Beim Kleingartenverein angekommen – empfängt uns Herr Sinn. „Servus, Rainer Sinn“, stellt er sich vor. Dass er zum Vorsitzenden gewählt worden ist, wundert mich nicht. Herr Sinn hat kurzgeschorene, leicht zurückgegangene graue Haare und macht trotz der bayrischen Tracht, die er trägt, einen militärischen Eindruck. Sein Blick ist durchdringlich und sein Händedruck kräftig.

Hoffentlich hat er nichts gegen Zugezogene denke. Nichts gegen Saupreißen, die noch vor fünf Jahren in Hannover gelebt haben.

Ohne weiteres Geplänkel führt er uns in den Löwenzahnweg 11. Die neue Glücksadresse für Familie Wuttke.

„Was ist das denn für eine Bruchbude?“, entfährt es Horst. Für ihn ist solch eine Bemerkung schon ein wahrer Gefühlsausbruch. Ansonsten ist er eher eine gemütliche, wenn nicht sogar ein bisschen schläfrige Natur.

Auch mich durchzuckt es beim ersten Anblick. Das gelbe Häuschen, auf das wir schauen, macht wirklich einen etwas heruntergekommen Eindruck. Und auch der es umgebende Garten wirkt ziemlich verwahrlost. Aber, denke ich, das wird schon.

In Sörens Gesicht kann ich keine Regung entdecken, und Herr Sinn sagt: „Das war die Parzelle von Frau Mayrhofer. 86 ist sie geworden und vor kurzem gestorben.“

„Aha“, sage ich interessiert, und Herr Sinn fährt fort: „Ich habe sie immer wieder aufgefordert, Ordnung zu schaffen. Schließlich haben wir strenge Regeln auf der Anlage, was die Pflege von Haus und Garten angeht. Aber mit 86 war bei ihr nicht mehr viel zu machen, und Angehörige gab es auch nicht.“

Mit einem Quietschen öffnet Herr Sinn die Pforte und lässt uns unser neues Reich betreten. Meine Augen versuchen auf die Schnelle, die Gesamtsituation zu erfassen. Und auch beim näheren Hingucken wirkt die ganze Szenerie nach wie vor etwas trostlos. Jede Menge Arbeit, denke ich. Aber das wird schon. Immerhin steht in der Ecke ein schöner Kirschlorbeer.

 

Und hier als Podcast:

 

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